Cannabis bei Epilepsie: Aktuelle Forschung und Anwendungsmöglichkeiten
Cannabis bei Epilepsie ist eines der am besten erforschten Einsatzgebiete von medizinischem Cannabis. Insbesondere der Wirkstoff Cannabidiol (CBD) hat in klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse bei der Reduktion von epileptischen Anfällen gezeigt. Für viele Betroffene, bei denen herkömmliche Antiepileptika nicht ausreichend wirken, bietet Cannabis bei Epilepsie eine mögliche Ergänzung der Therapie.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine übermäßige oder synchrone neuronale Aktivität im Gehirn. In Deutschland leben etwa 500.000 bis 800.000 Menschen mit Epilepsie, weltweit sind es rund 50 Millionen.
Arten von epileptischen Anfällen
| Anfallstyp | Beschreibung | Häufigkeit |
| Fokale Anfälle | Beginnen in einem bestimmten Hirnbereich, mit oder ohne Bewusstseinsverlust | Ca. 60 % aller Epilepsien |
| Generalisierte Anfälle | Betreffen beide Gehirnhälften gleichzeitig | Ca. 30 % aller Epilepsien |
| Tonisch-klonische Anfälle | Verkrampfung und rhythmisches Zucken, Bewusstlosigkeit | Häufigster Typ generalisierter Anfälle |
| Absence-Anfälle | Kurze Bewusstseinsaussetzer, besonders bei Kindern | Häufig bei Kindern |
| Myoklonische Anfälle | Kurze, blitzartige Muskelzuckungen | Verschiedene Epilepsieformen |
Therapieresistente Epilepsie
Etwa 30 % aller Epilepsiepatienten sprechen nicht ausreichend auf herkömmliche Antiepileptika an. Man spricht von therapieresistenter oder pharmakoresistenter Epilepsie, wenn zwei oder mehr angemessen dosierte Antiepileptika die Anfälle nicht kontrollieren können. Genau hier wird Cannabis bei Epilepsie besonders interessant.
Wie wirkt Cannabis bei Epilepsie?
Das Endocannabinoid-System und Epilepsie
Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung der neuronalen Erregbarkeit im Gehirn. Es besteht aus:
- Endocannabinoide: Körpereigene Cannabinoide wie Anandamid und 2-AG
- Cannabinoid-Rezeptoren: CB1 (hauptsächlich im Gehirn) und CB2 (hauptsächlich im Immunsystem)
- Enzyme: FAAH und MAGL, die Endocannabinoide abbauen
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei Epilepsiepatienten Veränderungen im Endocannabinoid-System vorliegen können. Eine Modulation dieses Systems durch pflanzliche Cannabinoide könnte daher die Anfallsaktivität beeinflussen.
CBD und seine antikonvulsive Wirkung
Cannabidiol (CBD) ist der Cannabinoid-Wirkstoff, der bei Epilepsie am besten erforscht ist. Die antikonvulsive (anfallshemmende) Wirkung von CBD beruht auf mehreren Mechanismen:
- Modulation von Ionenkanälen: CBD beeinflusst Natrium- und Kalziumkanäle in den Nervenzellen, was die übermäßige neuronale Erregung dämpfen kann
- GPR55-Antagonismus: CBD blockiert den GPR55-Rezeptor, der bei der Freisetzung von Neurotransmittern eine Rolle spielt
- TRPV1-Aktivierung: CBD aktiviert den TRPV1-Kanal, der an der Regulierung der synaptischen Übertragung beteiligt ist
- Entzündungshemmung: CBD kann neuroinflammatorische Prozesse reduzieren, die bei manchen Epilepsieformen eine Rolle spielen
- Adenosin-Wiederaufnahmehemmung: CBD erhöht den Adenosin-Spiegel, was hemmend auf die neuronale Aktivität wirkt
Die Rolle von THC bei Epilepsie
Die Rolle von THC bei Epilepsie ist komplexer und weniger eindeutig als die von CBD:
- In niedrigen Dosen kann THC möglicherweise antikonvulsiv wirken
- In höheren Dosen kann THC bei manchen Patienten Anfälle sogar verschlimmern
- THC kann über CB1-Rezeptoren die Freisetzung von Neurotransmittern modulieren
- Die psychoaktive Wirkung ist bei Epilepsiepatienten, insbesondere Kindern, unerwünscht
Klinische Studien zu Cannabis bei Epilepsie
Die Epidiolex-Studien
Die wichtigsten klinischen Studien zu Cannabis bei Epilepsie wurden im Rahmen der Zulassung von Epidiolex (reines CBD in Lösung) durchgeführt. Epidiolex ist das erste aus Cannabis gewonnene Arzneimittel, das von der FDA (2018) und der EMA (2019) zugelassen wurde.
Dravet-Syndrom Studie (2017)
- Design: Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie
- Teilnehmer: 120 Kinder und junge Erwachsene mit Dravet-Syndrom
- Ergebnis: CBD reduzierte die Anfallshäufigkeit um durchschnittlich 38,9 % gegenüber 13,3 % in der Placebogruppe
- Bemerkenswert: 5 % der Patienten wurden komplett anfallsfrei
Lennox-Gastaut-Syndrom Studie (2018)
- Design: Zwei randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien
- Teilnehmer: 396 Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom
- Ergebnis: CBD reduzierte die Häufigkeit von Drop-Anfällen um 41-44 % gegenüber 13-22 % in der Placebogruppe
Tuberöse Sklerose Studie (2020)
- Design: Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie
- Teilnehmer: 224 Patienten mit tuberöser Sklerose
- Ergebnis: CBD reduzierte die Anfallshäufigkeit um 48 % (25 mg/kg/Tag) bzw. 48 % (50 mg/kg/Tag) gegenüber 27 % in der Placebogruppe
Weitere Forschungsergebnisse
Neben den Zulassungsstudien gibt es zahlreiche weitere Untersuchungen:
- Real-World-Daten: Register- und Beobachtungsstudien bestätigen die Wirksamkeit von CBD bei verschiedenen Epilepsieformen im klinischen Alltag
- Vollspektrum-Cannabis vs. CBD-Isolat: Einige Studien deuten darauf hin, dass Vollspektrum-Cannabisextrakte (mit allen Cannabinoiden und Terpenen) möglicherweise wirksamer sein könnten als reines CBD – der sogenannte Entourage-Effekt
- CBDV (Cannabidivarin): Ein weiteres Cannabinoid, das in präklinischen Studien antikonvulsive Eigenschaften gezeigt hat und derzeit weiter erforscht wird
Zugelassene Cannabis-Arzneimittel bei Epilepsie
Epidyolex (Epidiolex)
Epidyolex ist das einzige speziell für Epilepsie zugelassene Cannabis-Arzneimittel in der EU. Wichtige Fakten:
| Merkmal | Details |
| Wirkstoff | Cannabidiol (CBD), pflanzlich gewonnen |
| Darreichungsform | Lösung zum Einnehmen (100 mg/ml) |
| Zugelassene Indikationen | Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom, Tuberöse Sklerose (jeweils als Zusatztherapie) |
| Altersfreigabe | Ab 2 Jahren |
| Dosierung | Start: 2,5 mg/kg 2x täglich, Zieldosis: 5-10 mg/kg 2x täglich |
| Kosten | Ca. 800-1.500 € pro Monat (Kassenleistung bei Zulassungsindikation) |
Cannabis bei Epilepsie: Praktische Anwendung
Wer kommt für eine Cannabistherapie bei Epilepsie infrage?
Cannabis bei Epilepsie kommt insbesondere für Patienten infrage, die:
- An therapieresistenter Epilepsie leiden (mindestens 2 Antiepileptika ohne ausreichende Wirkung)
- Starke Nebenwirkungen unter herkömmlichen Antiepileptika haben
- An einem der zugelassenen Syndrome leiden (Dravet, Lennox-Gastaut, Tuberöse Sklerose)
- Andere Epilepsieformen haben, bei denen der behandelnde Arzt eine Cannabistherapie für sinnvoll hält
Wie wird Cannabis bei Epilepsie dosiert?
Die Dosierung von CBD bei Epilepsie folgt dem Prinzip „Start low, go slow":
- Startdosis: 2,5 mg CBD pro Kilogramm Körpergewicht, aufgeteilt auf zwei Gaben pro Tag
- Steigerung: Wöchentliche Erhöhung um 2,5 mg/kg/Tag
- Zieldosis: 5-10 mg/kg/Tag (in manchen Fällen bis 20 mg/kg/Tag)
- Individuelle Anpassung: Die optimale Dosis variiert von Patient zu Patient
Worauf muss man achten?
- Wechselwirkungen: CBD kann den Abbau anderer Medikamente beeinflussen, insbesondere von Clobazam und Valproat. Die Leberenzyme CYP3A4 und CYP2C19 werden durch CBD gehemmt.
- Leberwerte: Regelmäßige Kontrolle der Leberwerte, besonders bei gleichzeitiger Einnahme von Valproat
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Durchfall, verminderter Appetit, Erhöhung der Leberenzyme
- Qualität: Nur pharmazeutisch standardisierte Produkte verwenden – keine frei verkäuflichen CBD-Öle als Ersatz für medizinisches CBD
Nebenwirkungen von CBD bei Epilepsie
In klinischen Studien wurden folgende Nebenwirkungen beobachtet:
Häufige Nebenwirkungen (>10 %)
- Müdigkeit und Schläfrigkeit (besonders zu Beginn)
- Durchfall
- Verminderter Appetit
- Erhöhung der Leberenzyme (ALT/AST)
Gelegentliche Nebenwirkungen (1-10 %)
- Erbrechen
- Infektionen der oberen Atemwege
- Fieber
- Gewichtsverlust
- Reizbarkeit
Seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen
- Deutliche Erhöhung der Leberwerte (insbesondere bei Kombination mit Valproat)
- Status epilepticus (selten)
- Allergische Reaktionen (sehr selten)
Die meisten Nebenwirkungen sind dosisabhängig und reversibel. Bei Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen sollte die Dosis reduziert oder die Behandlung unter ärztlicher Aufsicht beendet werden.
Erfahrungsberichte: Cannabis bei Epilepsie im Alltag
Der Fall Charlotte Figi
Einer der bekanntesten Fälle, der die Aufmerksamkeit auf Cannabis bei Epilepsie lenkte, war Charlotte Figi aus den USA. Charlotte litt am Dravet-Syndrom und hatte bis zu 300 Anfälle pro Woche. Nach Beginn einer CBD-reichen Cannabistherapie reduzierten sich ihre Anfälle auf wenige pro Monat. Ihre Geschichte trug maßgeblich zur Entwicklung von Epidiolex bei.
Was berichten Patienten?
Erfahrungsberichte von Epilepsiepatienten, die Cannabis verwenden, zeigen häufig:
- Reduktion der Anfallshäufigkeit um 50 % oder mehr
- Verbesserung der Anfallsintensität
- Bessere Lebensqualität und erhöhte Wachheit (im Vergleich zu sedierenden Antiepileptika)
- Verbesserung von Begleitsymptomen wie Schlafstörungen und Angstzuständen
- Möglichkeit, die Dosis anderer Antiepileptika zu reduzieren
Cannabis bei Epilepsie: Was sagt die Forschung der Zukunft?
Die Forschung zu Cannabis bei Epilepsie schreitet stetig voran. Aktuelle Forschungsschwerpunkte umfassen:
- Weitere Cannabinoide: Untersuchung von CBDV, CBDVA und anderen weniger bekannten Cannabinoiden auf ihre antikonvulsiven Eigenschaften
- Personalisierte Medizin: Genetische Marker, die vorhersagen könnten, welche Patienten besonders gut auf eine Cannabistherapie ansprechen
- Neue Formulierungen: Entwicklung verbesserter Darreichungsformen für eine bessere Bioverfügbarkeit
- Langzeitstudien: Untersuchung der langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit von CBD bei Epilepsie
- Erweiterte Indikationen: Studien zu weiteren Epilepsieformen über die aktuellen Zulassungsindikationen hinaus
Häufig gestellte Fragen zu Cannabis bei Epilepsie
Kann CBD Epilepsie heilen?
Nein, CBD kann Epilepsie nach aktuellem Forschungsstand nicht heilen. Es kann jedoch die Anfallshäufigkeit und -schwere bei manchen Patienten deutlich reduzieren und so die Lebensqualität verbessern.
Ist THC bei Epilepsie gefährlich?
THC sollte bei Epilepsie nur unter strenger ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden. In manchen Fällen kann THC Anfälle sogar verschlimmern. CBD-reiche Produkte mit niedrigem THC-Gehalt sind in der Regel die sicherere Wahl.
Kann ich frei verkäufliches CBD-Öl statt Epidyolex verwenden?
Frei verkäufliche CBD-Produkte sind nicht für die Behandlung von Epilepsie zugelassen und können in Qualität und Dosierung stark variieren. Für eine medizinische Epilepsiebehandlung solltest du ausschließlich ärztlich verschriebene, pharmazeutisch standardisierte Produkte verwenden.
Wirkt Cannabis bei allen Epilepsieformen?
Nein, die Studienlage ist am stärksten für das Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom und die Tuberöse Sklerose. Bei anderen Epilepsieformen gibt es ebenfalls positive Berichte, aber weniger hochwertige Evidenz.
Wie schnell wirkt CBD bei Epilepsie?
Erste Effekte können bereits in den ersten Wochen auftreten. Die volle Wirkung zeigt sich typischerweise nach 2 bis 3 Monaten stabiler Dosierung. Manchmal ist eine Dosisanpassung über mehrere Monate nötig.
Fazit: Cannabis bei Epilepsie – eine vielversprechende Ergänzung
Cannabis bei Epilepsie, insbesondere CBD, hat sich als vielversprechende therapeutische Option für Patienten mit schwer behandelbaren Epilepsieformen etabliert. Die klinischen Studien zeigen eine signifikante Reduktion der Anfallshäufigkeit, und mit Epidyolex steht ein zugelassenes Cannabis-Arzneimittel zur Verfügung.
Wenn du oder ein Angehöriger an Epilepsie leidest und herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirken, sprich mit deinem Neurologen über die Möglichkeit einer ergänzenden Cannabistherapie. Auf AboutWeed findest du weitere Informationen und kannst Ärzte und Apotheken finden, die auf medizinisches Cannabis spezialisiert sind.
Dieser Artikel wurde von AboutWeed erstellt.